Kein Margin Call klingt nach einer risikofreien Version des BTC-besicherten Kredits. Das Risiko bekommt eine andere Form.
Was das Versprechen bedeutet
Bei einem klassischen BTC-Kredit gibt es Kursschwellen: fällt BTC, fordert die Plattform Nachbesicherung oder liquidiert automatisch. Der Verlust wird sofort realisiert.
„Kein Margin Call während der Laufzeit“ bedeutet: keine Schwellen, keine Nachforderung, keine Zwangsliquidation. Die BTC bleiben im Cold Storage. Der Kurs kann fallen. Es passiert trotzdem nichts bis zum Vertragsende.
Lombardor ist aktuell der einzige DACH-Anbieter, der dieses Modell für Retail-Kunden anbietet. Optional buchbar als „Collateral Guard“. Verwahrung beim regulierten deutschen Custodian in einer Multi-Sig-Wallet, der Kunde bleibt rechtlicher Eigentümer der BTC.
Was Lombardor nicht erklärt
„Kein Margin Call“ verlagert das intraterm Marktpreisrisiko zum Anbieter oder einem Refinanzierer. Irgendjemand muss das aushalten — finanziert durch höhere Zinsen, eine Schutzgebühr oder Hedging-Instrumente.
Wie genau Lombardor das managt, ist öffentlich nicht dokumentiert. Keine Beschreibung von Reserven, Derivaten oder Versicherungsstrukturen. Die FAQ-Seite ist weitgehend leer.
Ein US-Anbieter (SALT Shield) hat das Modell besser erklärt: der Borrower zahlt eine einmalige Gebühr, der Anbieter baut daraus Reserven auf und absorbiert den letzten Margin Call intern. Das Prinzip dürfte ähnlich sein. Die Transparenz ist es nicht.
Was auch öffentlich fehlt: eine offizielle Zinsliste. In einem Instagram-Clip des Teams fällt die Zahl „typisch 5–12% p.a.“ In einem Forum-Screenshot tauchen 16,7% auf. Beides ist unbestätigt. Ein Preisblatt auf der Website gibt es nicht.
Das eigentliche Risiko: Fälligkeit
Hier liegt der entscheidende Punkt.
Bei Fälligkeit schulden Sie den vollen Eurobetrag plus Zinsen. Unabhängig davon, was BTC wert ist.
Beispiel: €1 Mio. BTC-Collateral (20 BTC à €50.000), 50% LTV, also €500.000 Kredit. BTC fällt auf €20.000: Collateral jetzt €400.000. Sie schulden weiterhin €500.000 plus Zinsen.
Mit klassischem Margin Call hätte die Plattform während des Kursrückgangs anteilig liquidiert — schmerzhaft, aber der Verlust ist über die Laufzeit verteilt worden.
Mit Collateral Guard: während der Laufzeit passiert nichts. Bei Fälligkeit trifft die volle Differenz auf einmal.
Das Modell verlagert das Risiko auf einen anderen Zeitpunkt. Für manche Situationen ist es besser geeignet, für andere schlechter. Wer darüber nicht informiert ist, hat eine falsche Erwartung.
Recourse — die Frage, die niemand stellt
In Deutschland ist der Standard: vollständiger Regress. Das bedeutet, Sie schulden den Eurobetrag persönlich, auch wenn die BTC nicht reichen.
Non-Recourse würde bedeuten: Sie geben die BTC ab und sind schuldenfrei. Das wäre eine erhebliche Schutzklausel — und sie müsste explizit im Kreditvertrag stehen.
Auf der Lombardor-Website steht das nicht. Das muss nicht heißen, dass es non-recourse ist. Es heißt, Sie wissen es nicht, bevor Sie den Vertrag lesen.
Wer bei einem 60%-BTC-Crash davon ausgeht, einfach „die Coins abgeben und raus sein“ — und das ist eine verbreitete Annahme — sollte genau diese Stelle im Kleingedruckten prüfen, bevor er unterschreibt.
Das dritte Risiko: Gegenpartei
Celsius und BlockFi haben gezeigt, was Insolvenz bei Krypto-Kreditanbietern bedeutet: die Marketingbroschüre gilt nicht, das Insolvenzrecht gilt. Kunden, die geglaubt hatten, ihre Coins seien sicher, wurden zu ungesicherten Gläubigern.
Lombardor verwaltet die BTC über Multi-Sig-Verwahrung beim regulierten Custodian — das reduziert das Custody-Risiko spürbar. Der eigentliche Kredit kommt aber von einem Partnerinstitut, das Lombardor nicht öffentlich benennt. Wenn dieses Institut in Schieflage gerät, gilt Insolvenzrecht, nicht die Produktbeschreibung.
Lombardor selbst agiert als Kreditvermittler nach §34c GewO — nicht als vollregulierte Bank, nicht unter BaFin-Bankaufsicht. Österreichische Kunden haben die üblichen EU-Verbraucherschutzrechte, aber keine FMA-Lizenz im Hintergrund.
Drei Fragen vor dem Unterschreiben
Für jeden „kein Margin Call“-Kredit, nicht nur Lombardor:
1. Recourse oder Non-Recourse? Steht im Kreditvertrag, nicht in der Broschüre. Konkrete Frage: Hafte ich über die hinterlegten BTC hinaus?
2. Was passiert bei Fälligkeit, wenn BTC < Kreditbetrag? Kann ich die BTC abgeben und bin aus der Haftung, oder schulde ich die Differenz aus persönlichem Vermögen?
3. Wer ist der eigentliche Kreditgeber? Welche Aufsichtsbehörde reguliert diesen? Was passiert mit dem Kreditverhältnis, wenn der Vermittler insolvent wird?
Ein BTC-besicherter Kredit ohne Margin Call kann für konkrete Situationen sinnvoll sein — vor allem, wenn Sie einen fixen Liquiditätsbedarf über eine definierte Laufzeit haben und das Endfälligkeitsrisiko bewusst eingehen. Aber er ist kein Gratisprodukt. Die Risiken sind anders strukturiert, nicht kleiner.
Für den klassischen BTC-Kredit (Nexo-Modell mit transparenten Margin-Call-Schwellen) zeigt der Rechner den Break-even, den Liquidationspreis und den Nettovorteil gegenüber dem Verkauf.
Kein steuerlicher oder rechtlicher Rat. Konsultieren Sie bei konkreten Entscheidungen einen Steuerberater und Rechtsanwalt.